Interview mit dem Redakteur des regionalen Rotary-Magazins in der Ukraine

Porträtfoto von Mykola Stebljanko auf einem Dampfer, im Hintergrund sind Gewässer und Ufer zu sehen. Er ist ein Mann mittleren Alters mit grau-blondem Haarkranz und Halbglatze, trägt ein blaues Hemd und einen schwarzen Blazer und lacht in die Kamera. Neben ihm flattert eine weiße Flagge mit Rotary-Logo und dem Wort Ukraine sowie eine ukrainische Flagge in blau-gelb.

Mykola Stebljanko, Redakteur des regionalen Rotary Magazins in der Ukraine, lebt mit seiner Frau Olga in der Hafenstadt Odessa.

Der Konflikt in der Ukraine hat Millionen von Menschen vertrieben und eine humanitäre Krise in ganz Europa ausgelöst. Das US-amerikanische Magazin Rotary führte dazu ein Interview mit Mykola Stebljanko, dem Redakteur des regionalen Rotary Magazins in der Ukraine.

Wie ist Ihre momentane Situation?

Ich lebe momentan in Odessa. Das ist die drittgrößte Stadt im Südwesten der Ukraine, eine wichtige Hafenstadt an der Schwarzmeerküste. Derzeit gibt es hier noch keine Kampfhandlungen, aber wir leben unter der ständigen Bedrohung durch Bomben und Raketen. Oft werden wir mitten in der Nacht von Luftangriffssirenen geweckt. Wir müssen dann aufstehen und uns an einem sicheren Ort verstecken. In meiner Wohnung ist der sicherste Ort das Badezimmer. Dort verbringen wir dann dicht aneinander gedrängt den Rest der Nacht.  Gelegentlich erleben wir ein paar Raketenangriffe, aber die meiste Zeit über ist es sicher.

Die meisten Kämpfe konzentrierten sich bis vor Kurzem auf Kiew, die Hauptstadt der Ukraine, und Charkiw. Mehr als ein Dutzend kleinerer Städte sind ebenfalls unter Beschuss. Die Stadt Mariupol im Südosten der Ukraine befindet sich im Belagerungszustand. Mehr als 2.500 Zivilisten sind in Mariupol ums Leben gekommen, und fast 400.000 Menschen waren Ende März in der Stadt eingeschlossen. Die russische Armee verhinderte ihre Flucht. Viele hatten keinen Strom, kein Wasser und keine Heizung.

Was geschieht mit den Rotary Clubs in der Ukraine?

In der Ukraine gibt es 62 Rotary Clubs. Im Moment hat nur der Rotary Club Cherson seine Treffen vorübergehend ausgesetzt, weil die Stadt jetzt unter der Kontrolle des russischen Militärs steht. Ich habe dort kürzlich mit einem Rotarier gesprochen. Keiner von ihnen kann entkommen und sie sind in der Stadt gefangen. Sie treffen sich nicht mehr und führen keine Projekte mehr durch, weil sie um ihre persönliche Sicherheit fürchten. Unser Governor hat ein Unterstützungsschreiben an alle Rotary-Mitglieder in Cherson geschickt.

Andere Rotary Clubs sind weiterhin aktiv und versuchen alles, um zu helfen. Wir haben einen Sonderausschuss eingerichtet, um die Hilfe zu koordinieren. Jeder Club hat eine/n Vertreter/in im Ausschuss und wir treffen uns zweimal täglich online, um Probleme zu besprechen, mit denen unsere Clubs konfrontiert sind.

Welche Art von Hilfsprojekten führen die ukrainischen Clubs durch?

Unsere rotarischen Aktionen gliedern sich in die folgenden drei Bereiche:

  • Hilfe für unsere Krankenhäuser, in denen eine große Zahl verwundeter Zivilisten behandelt wird. Sie benötigen dringend medizinische Hilfsgüter. Wir haben ein Sonderkonto eingerichtet und rund 100.000 USD von Rotary Clubs und Distrikten aus der ganzen Welt erhalten. Wir haben bereits Medikamente und Ausrüstung gekauft und verteilt. Außerdem wurden uns zwei Katastrophenhilfe-Grants bewilligt.
  • Koordination der humanitären Hilfe. Rotary Clubs und Distrikte schicken humanitäre Hilfe per LKW, Schiff und Flugzeug. Wir sind dabei, die humanitären Drehkreuze von Rotary entlang der ukrainischen Grenzen zu Polen, der Slowakei, Ungarn und Rumänien wieder aufzubauen. Dort gehen alle Hilfsgüter ein und werden über die Grenze in unsere Städte transportiert. Darüber hinaus haben wir in der Ukraine in der Nähe der Grenzregionen verschiedene Zentren eingerichtet, in denen Rotary-Mitglieder diese humanitäre Hilfe an die Städte verteilen, die sie am dringendsten benötigen. Bei den meisten Gütern handelt es sich um Kleidung, Lebensmittel und Medikamente.
  • Hilfe für Familien von Rotary-Mitgliedern, die das Land verlassen wollen. Wir haben viele Anfragen von Rotary-Mitgliedern in Europa und Amerika erhalten, die gerne unsere Familienmitglieder und Verwandten aufnehmen würden.

Warum bleiben Sie in der Ukraine?

Ich habe 40 Jahre lang in Simferopol, der Hauptstadt der Krim, gelebt. Aber 2015 musste ich meine Heimatstadt wegen der russischen Annexion der Krim verlassen. Meine Frau Olga und ich zogen nach Odessa, weil wir uns dort sicherer fühlten. Wenn wir gefragt werden, warum wir Odessa und die Ukraine nicht verlassen wollen, antworte ich immer: Wir wurden bereits 2015 gezwungen, aus unserer Heimat zu fliehen. Ein zweites Mal wollen wir das nicht. Wir sind Ukrainer und wir möchten in der Ukraine bleiben.

Was ist Ihre Botschaft an die Rotary Clubs in aller Welt?

Im Namen der Rotary-Mitglieder in der Ukraine möchte ich allen unseren rotarischen Freunden und Freundinnen, die uns geholfen haben, ein großes Dankeschön aussprechen. Das bedeutet uns sehr viel in dieser schwierigen Zeit. Gleichzeitig möchte ich an alle Rotary-Mitglieder appellieren, sich bei ihren Regierungen für den Frieden einzusetzen. Wir sind dankbar für unsere Freunde in aller Welt, die uns zur Seite stehen.

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