Wenn Austauschschüler heimkehren: der umgekehrte Kulturschock

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Julia Chalifoux aus Kanada (rechts), ein Mitglied ihrer Gastfamilie (Mitte) und eine Mit-Austauschschülerin im Rotary-Jugendaustausch vor der „Big Buddha“-Statue in Kamakura, Japan, 1997

Von Julia Chalifoux, ehemalige Rotary-Jugendaustauschschülerin in Japan
Bearbeitung von Gundula Miethke

Im Jahr 1997 war ich 17 Jahre alt und verbrachte ein Jahr als Austauschschülerin in der japanischen Hauptstadt Tokio. Diese Zeit in einem fremden Land mit einer völlig anderen Kultur und Sprache hat mich stark geprägt und zu der erwachsenen Frau gemacht, die ich heute bin. Der Rotary-Jugendaustausch hat mein Leben verändert – allerdings nicht nur durch den Aufenthalt in Japan, sondern auch durch die Rückkehr nach Kanada in die eigene Kultur.

In den Monaten vor meinem Austausch habe ich mich gut auf mein Gastland und sowie das Leben fern der Heimat vorbereitet. Worauf ich jedoch nicht vorbereitet war, waren die Erfahrungen nach dem Austausch – bei der „Heimkehr“ in mein Herkunftsland. Für mich war dieser „umgekehrte“ Kulturschock weitaus schwieriger zu bewältigen als der anfängliche Kulturschock bei meiner Ankunft in Japan.

Durch die Blume oder ins Gesicht sagen?

Zum Beispiel fiel es mir durch die unterschiedlichen Kommunikationsstile zwischen Japanern (indirekt) und Kanadiern bzw. Nordamerikanern (direkt) schwer, mit Freunden und an der Uni angemessen zu kommunizieren und den richtigen Ton zu treffen – sowohl mündlich als auch schriftlich. Gleich während des ersten Jahres nach meiner Rückkehr bat mich mein Professor an der Universität, an seinen Sprechstunden teilzunehmen. Auf diese Weise wollte er besser einordnen, was denn nun meine Muttersprache wäre. Er war ziemlich besorgt um die Qualität meiner schriftlichen Arbeiten.

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Julia Chalifoux bei einem Wiedersehen mit Tip (rechts) in Bangkok, einer ehemaligen Rotary-Austauschschülerin aus Thailand

In seinem Buch „Advancing Teacher Education and Curriculum Development through Study Abroad Programs“ schreibt Dr. Amir Manzoor, dass „ein umgekehrter Kulturschock es schwierig machen kann, persönliche Beziehungen und emotionales Wohlbefinden aufzubauen. Zu den typischen Gefühlen, die mit einem umgekehrten Kulturschock verbunden sind, gehören die Entfremdung von Familie und Freunden und die Unfähigkeit, sich in die Umgebung einzufinden und mit Menschen zu interagieren.“

Viel über sich selbst gelernt

Nun ist das Erlebnis eines umgekehrten Kulturschocks sicher kein attraktives „Werbe-Argument“ für das Rotary-Jugendaustauschprogramm, doch es ist ein wichtiger Nebeneffekt. Gerade durch diese Herausforderung konnte ich eine Menge über mich selbst erfahren. Wie Einstein einmal sagte: „Widrigkeiten führen den Menschen zu sich selbst.“

Auf den Erfahrungsschatz, den mir der Austausch und die Rückkehr beschieden haben, greife ich immer wieder zurück. So achte ich zum Beispiel mehr auf meine körperliche und geistige Gesundheit, kann mich in andere Menschen – insbesondere wenn diese vor Herausforderungen stehen – besser hineinversetzen und lege großen Wert darauf, eine sinnvolle Arbeit zu leisten. Am wichtigsten ist mir, dass ich die Bedeutung von Belastbarkeit und ehrlicher Freundlichkeit kennenlernte. Zwei Qualitäten, auf die ich stolz bin.


Ein Gedanke zu „Wenn Austauschschüler heimkehren: der umgekehrte Kulturschock

  1. February 22, 2020 Thank you.  But I only understanding english. Can someone translate it to english> Thank you again… PP Rosario „Chary“ Sangle MisaRCRizal WestRI D3830, Makati, Philippines

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